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Geschlechtersensible Bildung: Wie kann sie gelingen?

Individuelle Bildung als Erfolgsschlüssel

Datum

03/2021

 

Nachlese: Jahrestagung der Arbeitskreise „Bildung“ & „Frauen und Stiftungen“ (Bundesverband Deutscher Stiftungen), 18.2.2021

 

M, W, D – Geschlecht in Bildungsprozessen:
Wie kann gerechte geschlechtersensible Bildung gelingen?

 

www.stiftungen.org

Der Arbeitskreis Bildung (eine Initiative des Bundesverbands deutscher Stiftungen) will Stiftungsakteur:innen inspirieren und ermutigen, sich mit Schlüssel- und Zukunftsfragen des Bildungssystems auseinanderzusetzen. Ein Fokus liegt dabei auf Gerechtigkeitsthemen - wie Stiftungen dazu beitragen können, das Bildungssystem gerechter zu machen und so möglichst allen Kindern und Jugendlichen Teilhabe zu ermöglichen. Diesjähriges Thema: geschlechtergerechte Bildung.

Individuelle Bildung - das ist nicht nur ein Ansatz, den die Karg-Stiftung seit über 30 Jahren verfolgt. Es ist auch der Erfolgsschlüssel beim Thema geschlechtergerechte Bildung. Das war eine der zentralen Erkenntnisse der gemeinsamen Jahrestagung der Arbeitskreise „Bildung“ & „Frauen und Stiftungen“, die die gesamte Bildungsbiographie von der Kita bis zur beruflichen Bildung in den Blick nahm.

Der manchmal seltsamen Konjunktur des Themas zum Trotz ist geschlechtergerechte Bildung bei genauer Betrachtung alles andere als ein Modethema. Denn das Geschlecht stellt die erste, selbstverständliche Diversitätsbedingung dar - von Geburt an ist es Merkmal einer Person, das Vor- und Nachteile mit sich bringt. Gerade Corona zeigt mit Macht geschlechtsspezifische Vorurteile und verschärft Ungleichheiten.

Vortrag: „Geschlecht in Bildungsprozessen und -institutionen. Einblicke und Empfehlungen“

In ihrem Vortrag „Geschlecht in Bildungsprozessen und -institutionen - Einblicke und Empfehlungen“ bekräftigte die renommierte Geschlechterforscherin Prof. Dr. Barbara Rendtorff zu Beginn der Tagung, dass geschlechtsspezifische Stereotype in den Köpfen von Menschen nicht nur nach wie vor existieren, sondern zudem äußerst nachhaltig in der Wahrnehmung vieler verankert sind. Diese gelte es, sich zunächst bewusst zu machen - ein allseits gerechtes Bildungssystem weiß um Bevor- und Benachteiligungen, die damit einhergehen.

„M,W, D“ heißt es in Stellenausschreibungen, um alle Formen geschlechtlicher Prägung zur Bewerbung einzuladen. Dem Eintritt ins Berufsleben gehen jedoch Bildungsprozesse und Stationen voraus, die in die Geschlechterordnung einüben und prägen. Diese individuellen Bildungsprozesse gilt es immer auch in ihrer geschlechtlichen Eigenheit oder Vielfalt zu verstehen. Entsprechende Bildungsangebote sind hier entscheidend, um geschlechtergerechte Bildung bereits früh zu ermöglichen - eine besondere Verantwortung, gerade für Stiftungen. Durch Projekte, Forschung und Öffentlichkeitsarbeit können diese erheblichen Einfluss auf das Bildungssystem nehmen.

Dialoggruppen: Geschlechtergerechtigkeit in der Stiftungsarbeit

Wie geschlechtergerechte Stiftungsarbeit gelingen kann und worauf es dabei ankommt, diskutierten die Tagungsteilnehmer:innen anschließend in vier Dialoggruppen, die jeweils unterschiedliche institutionelle Stationen im Bildungsverlauf eines Kindes in den Blick nahmen - von der Kita über die Schule bis zur Hochschule.

1. Kita: Geschlechtergerechte Förderung von Jungen und Mädchen

Kitas sind wichtige Lern- und Erfahrungsorte für Kinder, in denen sie viel Zeit ihres Lebens verbringen, von der Krippe bis zur Einschulung. Kerngedanke der Dialoggruppe war es, Kinder als Gestalter:innen ihrer eigenen Bildungsprozesse zu begreifen. Sie sollten in diesem prägenden Alter nicht mit Stereotypen und Etikettierungen belegt werden, was entscheidend von der Haltung und Einstellung der pädagogischen Fachkräfte abhängt. Qualifizierung kann das Bewusstsein für gendersensible Bildung stärken. Nicht über, sondern mit Kindern sprechen!

2. Schule: Wie Schule weibliche Geschlechterstereotype macht
„Mädchen müssen kein MINT können.“

Konsens bestand darin, dass die Ansprache von Mädchen bei der MINT-Förderung herausfordernd ist, z.B. mit Blick auf die Themenfindung oder den Einbezug verschiedener Gruppen. Lohnend wäre es, bei MINT-Förderprojekten Zahlen zum Verhältnis von Mädchen und Jungen zu erfassen, um diese mit Blick auf ein allfälliges Ungleichgewicht einordnen und insgesamt hierzu mehr Informationen generieren zu können. Ein wirksamer und nachhaltiger Ansatz für die MINT-Förderung von Mädchen könne insbesondere Mentoring sein, weil es ein individuelles Eingehen auf unterschiedliche Voraussetzungen ermöglicht.

3. Schule: Wie Schule männliche Geschlechterstereotype macht
„Jungs sind unordentlich und unaufmerksam.“

Drei Thesen leiteten durch die Diskussion dieser Dialoggruppe: - Nicht alle Jungen sind gleich, weshalb eine Binnendifferenzierung unterschiedlicher Charaktere wichtig ist. - Schule sollte insgesamt differenzierter auf die Individualität aller eingehen, auch und nicht nur geschlechtersensibel. - Lehrkräfte sollten eine geschlechterreflektierte Haltung entwickeln, da Stereotype schon früh bei Jungen bzw. Kindern verankert sind. Zwei Implikationen wurden auf dieser Grundlage als sehr wichtig erachtet: Objektive Leistungen von Jungen wie Schulnoten, Abschlüsse, Kompetenzen sind belegtermaßen faktisch niedriger. Schule muss daher gezielt Erziehungspartnerschaften mit Eltern aufbauen, was nur durch Öffnung im Sozialraum gelingen kann. Als offene Frage, an der mit gezielten Projekten angesetzt werden sollte, wurde identifiziert: Wie kann Geschlechtersensibilität im Schulkontext systematisch, über Einzelinterventionen hinaus, etabliert werden (Lehrerbildung etc.)?

4. Hochschule: Selektions- und Reproduktionsmechanismen in der höheren Bildung
„Geschlechter in Köpfen und Herzen“

In der Diskussion dieser Gruppe stand im Fokus, dass Hochschulen nach wie vor ein männlich dominiertes soziales Feld zu sein scheinen. Historisch gesehen handelte es sich bei Hochschulen ursprünglich um Eliteinstitutionen für junge Männer - was sich bis heute in Studienordnungen widerspiegelt. Auch prägt ein veraltetes Verständnis von Frauen und Müttern nach wie vor stark deren Karriereentscheidungen („Rabenmütter“). Sie entscheiden sich oft nur für geschlechtsuntypische Fächer, wenn sie exzellent sind. Die Corona-Krise trifft Wissenschaftlerinnen härter als Wissenschaftler – dies kann einen Karriereknick bedeuten, auf den reagiert werden muss. Als signifikant wurde identifiziert, dass sich die Schere zwischen den Geschlechtern mit zunehmender Qualifikationsstufe weitet und im Verlauf nur langsam schließt. Inzwischen gibt es jedoch mehr Studienanfängerinnen als Studienanfänger, wobei Männer häufiger promovieren und habilitieren (nur jede vierte Professur ist weiblich besetzt). Drängende Fragen sind daher: Warum existieren diese Geschlechterzuordnungen weiterhin, obwohl das Thema schon seit Jahrzehnten bearbeitet wird? Was können Hochschulen und Stiftungen tun, um hier voranzukommen?
 

Bildungsministerin Britta Ernst: Der Genderprint im Bildungssystem

Zum Abschluss der Tagung war Britta Ernst zugeschaltet, Präsidentin der Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) in 2021 und Bildungsministerin von Brandenburg. Sie nahm Stellung zu Fragen im Kontext der Digitalisierung und des Corona-Lockdowns: Welche geschlechtsbezogenen Verzerrungseffekte („Gender Bias) unser Bildungssystem im Lockdown aufweist - wer trägt welche Lasten trägt, wenn Eltern zuhause Unterricht begleiten müssen. Und wie Digitalisierungsbestrebungen das Thema Geschlechtergerechtigkeit in Unterricht und Bildung angehen können und müssen. Lautet das Leitmotiv ihrer KMK-Präsidentschaft doch „Lernen und Lehren – guter Unterricht in Zeiten der digitalen Transformationen“.

 

NAchlese

Weitere Informationen  zur Tagung finden Sie auf der Website des Bundesverbands deutscher Stiftungen, darunter:

  • Vortrag Prof. Dr. Barbara Rendtorff (Video)
  • Protokolle der Dialoggruppen
  • weitere Ergebnisse und Präsentationen der Tagung.

 

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Aktivitäten

  • Karg Aktivitäten

    Mit unseren Angeboten zur verbesserten Information und Qualifizierung von Kita, Schule und Beratungsstellen bringen wir das Bildungssystem in der Begabtenförderung voran: Karg Campus, Karg Impulskreise, Karg Partner Projekte, Karg Fachmedien.

  • Karg Fachmedien

    Unsere Publikationen bieten Grundlagen- und Professionswissen zum Thema Hochbegabung und orientieren in der Begabtenförderung.

  • Karg Campus

    Unser Qualifizierungskonzept ermöglicht Kitas, Schulen und Beratungsstellen die Entwicklung in der Begabtenförderung. Die Karg Campus Projekte schaffen in den Bundesländern nachhaltige Angebote und Strukturen zur Förderung Hochbegabter.

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    Unsere interaktive Fortbildungsmethode orientiert pädagogische und psychologische Fachkräfte im Finden und Fördern Hochbegabter. Wir bilden Moderatorinnen und Moderatoren aus, die in den landeseigenen Fortbildungssystemen vieler Bundesländer Grundlagenwissen der Begabtenförderung vermitteln.

  • Karg Partner

    In Modellprojekten finden wir mit unseren Partnern in Bildungspraxis und -wissenschaft Antworten auf Zukunftsfragen in der Begabtenförderung.

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