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Kitas in der Coronakrise: nachgefragt bei Michaela Schmid

Familienzentrum Ludwig-Uhland-Straße, Hessen

Datum

04/2020

 

Begegnung - Vertrauen - Nähe: neue WEge vom „Ich“ zum „Wir“

Interview mit Michaela Schmid,
Familienzentrum Ludwig-Uhland-Straße in Maintal, Hessen 

Familienzentrum Ludwig-Uhland-Strasse im Karg-Stiftungsportal

Die derzeitige Schließung von pädagogischen Einrichtungen aufgrund der Corona-Pandemie stellt alle Beteiligten – Kinder, Eltern, Erzieher/innen – vor neue Herausforderungen. Wir haben im Familienzentrum Ludwig-Uhland-Straße bei Michaela Schmid nachgefragt, welche Lösungen sie dort finden, um weiterhin für die Familien da zu sein, welche Maßnahmen sich bewähren - und welche Chancen die Krise mit sich bringen kann. 

Das Interview führte Reingard Lipp, Ressortleitung Fachmedien der Karg-Stiftung, am 7. April 2020.

 

Frau Schmid, Vor welche Herausforderungen sind Sie derzeit in Ihrer Arbeit im Kontext der Corona-Krise und den damit verbundenen Schließungen von Kitas gestellt?

Die Herausforderung liegt darin, neue Wege zu kreieren, Familien und ihre Kinder weiterhin begleiten zu können. Die pädagogische sowie die beratende Begleitung konnte bisher immer in engem Kontakt mit den beteiligten Familien und ihren Kindern stattfinden. In der jetzigen Situation müssen wir Formen entwickeln, die diese vertrauensvolle Nähe auf eine andere Art herstellen beziehungsweise fortführen. Und das schnell!

Familienzentren sind Orte, die von Familien mit ihren Kindern aus dem Stadtteil aufgesucht werden, unabhängig davon, ob die Kinder Kita und Hort des Familienzentrums besuchen. Entsprechend sind Familienzentren „Anlaufstellen“. Das heißt, das Fachpersonal ist es gewohnt, dass Begegnungen, Bildungsbegleitung und Beratung hauptsächlich an ihrem Arbeitsplatz in der Einrichtung stattfinden. Nun bringen wir (Bildungs-) Begleitung nach Hause in die Familien. Wir stellen aktiv Nähe her, indem wir zum Beispiel Familien regelmäßig anrufen und Austausch per E-Mail anbieten. Kinder erhalten wöchentlich ein kleines „Bildungspaket“ mit für sie individuell gestalteten Lerngeschichten, Rätseln, Kreativideen und Mitmachaktionen, die dann auch ihren Platz wieder im Familienzentrum finden. Ein für diesen Zweck gestalteter Briefkasten ist sozusagen eine Nabelschnur zur Kita und Kinder können ihr Bild oder einen Brief an ihre Erzieher*in einwerfen.

Zusätzlich gibt es ein digitales Forum der Kitas und Familienzentren Maintal, in dem alle Spielideen und Informationen niederschwellig zur Verfügung gestellt werden. Alle Familien haben darauf Zugriff und sogar ein Singkreis kann auf diese Weise stattfinden. Auch die Stadt Maintal selbst hat ein eigenes digitales Unterstützungsforum eingerichtet rund um das Thema „Corona“, das neben dem Bürgertelefon auch noch weitere Informationen online zur Verfügung stellt und praktische Hilfen wie einen Einkaufsservice organisiert. Öffentliche Anlaufstellen wie das Stadtteilzentrum oder andere Beratungs- und Präventionsstellen bieten ihre Unterstützung und Expertise auf digitalen Wegen an.

Wir tun also das, was wir auch sonst täglich tun: unkompliziert und niederschwellig individuelle Lösungen zu finden, um Kinder und ihre Familien zu unterstützen. Nur sind wir eben auf andere Art und Weise kreativ.

Wie hat sich der Beratungsbedarf aus Ihrer Sicht verändert und welche Maßnahmen haben sich in den vergangenen Tagen bewährt?

Ich glaube, die Perspektive hat sich verändert. Die derzeitige Situation kann auf vielfache Weise als bedrohlich empfunden werden. Da ist die Angst vor Ansteckung und Krankheit, die Existenzangst wegen drohender Arbeitslosigkeit oder Lohnkürzungen, Angst vor der räumlichen Enge zuhause und den daraus erwachsenden Problemen, Angst vor häuslicher Gewalt, Überforderung mit der Verantwortung bei der Kinderbetreuung, Trauer und Hilflosigkeit über die Trennung von Familienangehörigen und Freunden und noch vieles andere. Über allem schwebt diese Ungewissheit und das ungeheure Ausmaß dieser Pandemie. Plötzlich gibt es andere Regeln und Strukturen für das tägliche Miteinander – und das kulturübergreifend!

Ich habe in der ersten Zeit nach Beginn der politischen Maßnahmen zum einen Rückzug und zum anderen eine an Aggression grenzende Verleugnung der Krise erlebt. Beides sind Angstreaktionen (so auch das „Hamstern“ von Toilettenpapier). Es geht also in der Beratung und Begleitung vor allem um Unterstützung bei der Bewältigung von Angst, damit Menschen ihren Alltag leben und vor allem Kinder, unabhängig davon, welche individuellen Unterstützungsbedarfe sie haben, spielen, lernen, sich weiterentwickeln können. In diesem Kontext stellen wir nach einem telefonischen Austausch zum Beispiel ein „Beratungspaket“ zusammen, das Info-Material und Verweise auf hilfreiche Angebote enthält.

Eine weitere Veränderung ist, dass man „nicht schnell mal“ etwas nachfragen kann. Es bedarf auch seitens der Fragenden etwas mehr Engagement. Die große Gefahr ist, dass einige dann gar nicht nachfragen und somit auch keine Unterstützung erhalten. Was können wir also tun? Wir müssen diese „Kontakt“-Hemmschwelle abbauen, indem wir wie zuvor beschrieben den Kontakt zu den Familien und Kindern aktiv suchen und halten. Vertrautes schafft Vertrauen und Vertrauen schafft Selbstvertrauen. Selbstbewusstes Handeln schafft Wohlbefinden und wer sich wohlfühlt, der traut sich was! Wir können Eltern stärken, indem wir signalisieren: „Wir sind da für Sie!“ Wir können mit konkreten Tipps für den Alltag mit Kindern unterstützen und wachsam sein für besondere Bedarfe.

Wir können Eltern auch durch unsere regelmäßigen „Bildungspäckchen“ Anregung geben, gemeinsam mit ihren Kindern zu spielen und zu lernen und so statt Last auch Lust zu erleben. Wir können Eltern fragen, wie sich ihr Alltag verändert hat und welche Strukturen und Ideen sie entwickelt haben, um in dieser Zeit, gut zurecht zu kommen. Sozusagen das „best practice“ im Familienalltag. Diesen Reichtum können wir wiederum an andere weiterreichen ganz im Sinne der Partizipation!

Sehen Sie positive Effekte für Ihre Tätigkeit, die aus der Krise hervorgehen könnten?

Jede Krise birgt Chancen für ein Umdenken. In dieser Zeit wird sehr deutlich, dass jeder von uns „systemrelevant“ ist und wir einander brauchen. Wenn auch nur ein Rädchen in der Maschine fehlt, gibt es spürbare Einschränkungen. Der gefühlte Wert von Zeit, Nahrungsmitteln und von Familie und Freunden steigt.

Im Moment haben wir keinen Stillstand, es ist eher ein „Innehalten“: Ich sehe lachende Väter und Mütter mit ihren Kindern im Feld spazieren gehen. Ich bemerke, dass Kinder glücklich und Eltern dankbar für die Briefe und Päckchen sind. Dass sie sich freuen, wenn sie angerufen werden. Dass sie unsere Arbeit wertschätzen. Es fällt mir auch auf, dass sich keiner über die Schließung der Einrichtungen beschwert und erlebe, dass die meisten sehr gut zurechtkommen und nachbarschaftliche Hilfen anbieten. Und obwohl wir Abstand halten, spüre ich eine Hinwendung vom „Ich“ zum „Wir“. Das sind meines Erachtens gute Voraussetzungen für nachhaltige positive Effekte!

Es sind die Werte, für die wir hier im Familienzentrum jeden Tag aufstehen und uns einsetzen: Solidarität, Respekt, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Empathie. Ich glaube, dass die Erziehungspartnerschaften mit Eltern intensiver werden und dadurch auch die Bildungschancen für Kinder wachsen können. Es ist möglich, dass der öffentliche Stellenwert des Berufsstandes des Erziehers bzw. der Erzieherin sich positiv verändert, wenn mehr Menschen anerkennen, welche hervorragende Bildungsbegleitung durch sie geleistet wird.

 

ZUR PERSON & INSTITUTION:


Frau Schmid, geboren 1967 in Frankfurt am Main, ist staatlich anerkannte Erzieherin und Beraterin für Early Excellence Zentren. Sie hat unter anderen eine Zusatzqualifikation in systemischer Organisation und Management und arbeitet als Koordinatorin in zwei Familienzentren in Maintal.

Das Familienzentrum Ludwig-Uhlandstraße ist seit 2010 im Rahmen von Projekten zum Thema Bildungs- und Entwicklungsbegleitung von (hoch-)begabten Kindern mit der Karg-Stiftung kooperativ verbunden. Herausragende offizielle Anerkennung für sein einzigartiges Konzept erfuhr das Familienzentrum im Jahr 2018 beim Deutschen Kita-Preis als Sieger in der Kategorie „Kita des Jahres“.

Familienzentrum Ludwig-Uhlandstraße
Ludwig-Uhland-Straße 15
63477 Maintal

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