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Martin Kelz

Gymnasiallehrer

Datum

2019

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„Fliegen lassen...“

Interview mit Martin Kelz

Lehrer am Markgräfin-Wilhelmine-Gymnasium, Bayreuth (10:17)

 

Das Interview führte Sabine Wedemeyer, Ressortleitung Presse- & Öffentlichkeitsarbeit, Karg-Stiftung.

  • Was ist für Sie Hochbegabung? (00:17)
  • Was braucht gute Begabtenförderung? (01:06)
  • Was verbindet Sie mit der Karg-Stiftung? (08:37)
  • Was ist Ihr Symbol für Hochbegabung? (09:25)

 

Mein Name ist Martin Kelz. Ich unterrichte in Bayreuth am Markgräfin-Wilhelmine-Gymnasium die Fächer Mathematik und Physik und bin seit gut sechs Jahren jetzt hier verantwortlich für die Begabungsförderung mit meinem Team und und leite hier das Kompetenzzentrum für Begabungsförderung.


Was ist für Sie Hochbegabung? (00:17)

Nun, Begabungen gibt es ganz viele und Kinder, mit denen wir es tagtäglich zu tun haben oder die Eltern erziehen, haben sprachliche Begabungen, naturwissenschaftliche Begabungen, soziale Begabungen, sportliche Begabungen. Und diese Begabungen können alle unterschiedlich ausgeprägt sein - ganz gering, manche müssen vielleicht erst entdeckt werden, andere sind schon ganz groß ausgeprägt und und Hochbegabung in meiner Auffassung bedeutet dann nochmal, dass man mit seinen Begabungen nochmal einen Ticken interessierter ist, dass man nochmal mehr Lust hat zu erforschen, zu entdecken, dass man vielleicht auch ein bisschen Durchhaltevermögen hat, um auch dran zu bleiben an der Sache. Das wäre für mich die Hochbegabung.


Was braucht gute Begabtenförderung? (01:06)

Nun, zu allererst ist es wichtig, dass diese Begabungen erst mal entdeckt werden, dass man Möglichkeit schafft, im Kindergarten, im Grundschulbereich diese Begabungen zu entdecken, die Kinder ausfindig zu machen, die dann noch einen Schritt weiter gehen wollen oder bisschen um die Ecke denken. Und das ist gar nicht so einfach. Wir hatten mal mit einer Schülerin zu tun, das war eine ganz nette Geschichte: Die fiel in der Kindergartenzeit dadurch auf, dass sie gerne gepuzzelt hat. Aber sie puzzelte nicht wie gewöhnliche Kinder, sondern sie hat die Puzzleteile verkehrt herum auf den Tisch gelegt und hat dann also so blind nur anhand der Formen diese Puzzles zurecht gelegt und die große Überraschung war dann hinterher, das Puzzle umzudrehen und das eigentliche Bild dann tatsächlich zu sehen. Und da dachten die Kolleginnen der Kindergartenzeit damals, mit diesem Mädchen, da müssen wir mal gucken, da steckt ein bisschen mehr dahinter. Und das war so ihr Weg, ihre Hochbegabung zu entdecken und ihren Weg dann hier bei uns zu machen.

Wenn die Hochbegabung entdeckt worden ist oder man aufmerksam geworden ist, dass diese Mädchen oder Jungen dann einen Schritt weitergehen sollen, ist natürlich die Frage, wie begegnet man dieser Hochbegabung. Die klassischen Methoden sind natürlich zum einen das Enrichment - dass man diesen Kindern mehr anbietet an Lernmaterialien, an Wissen, und zum anderen natürlich die Akzeleration, dass man also beschleunigt, dass man also bisschen schneller vorwärts gehen kann, dass man nicht dauernd in Wiederholungsschleifen endet. Das machen wir natürlich hier auch bei uns an der Schule, haben aber in den letzten Jahren festgestellt, dass es für hochbegabte Kinder unglaublich wichtig ist, erstmal für sich herauszufinden, „Was für eine Begabung habe ich denn da eigentlich?“, „Welche Möglichkeiten habe ich denn alles mit meiner Begabung?“.

Und wir verwenden einen großen Teil darauf, die Kinder in ihrem Reflexionsvermögen zu stärken. Da fangen wir in der Unterstufe schon an mit einem eigens konzipierten Fach „Peso“, personale und soziale Kompetenzen, in denen wir den Kindern die Möglichkeit an die Hand geben, in sich selber hinein zu hören, zu gucken, „Wie ticke ich eigentlich?“, „Wie ticken andere Kinder?“, „Wie tickt unsere Gesellschaft?“. Also immer wieder ins Gespräch mit sich, aber auch mit der Umwelt zu kommen, um zu lernen und zu trainieren, „Was ist da eigentlich in mir?“, „Was für Potenzial habe ich denn da schon?“, „Was haben andere vielleicht? Wie kann ich das vielleicht für mich ummünzen, das auch für mich entsprechend anzueignen?“. Und später werden dann diese Methoden, die die Kinder in der Unterstufe gelernt haben, in einem Mentoring-Programm wieder aufgegriffen, wo wir die Kinder also eng begleiten in Gesprächen, in Reflexionserfahrungen, eben nicht nur dahin, „Was kannst du denn noch nicht gut?“, sondern das Pferd von der anderen Seite aufzusatteln, zu fragen, „Was kannst du denn gut und was hast du denn gerade in den letzten Monaten in Geschichte geleistet?“, „Was kannst du mit diesen Geschichtspotenzialen machen?“, „Was kannst du mit deinem mathematischen oder sprachlichen Potenzial machen?“ - und den Kindern einen bunten Strauß an Begabungen, die in ihnen stecken, bereitzustellen.

Diese Reflexionsebene ist uns deswegen so wichtig, weil wir glauben, dass jede Schülerin, jeder Schüler seinen Weg ganz eigens gehen muss. Wir wurden mithilfe der Karg-Stiftung dann auch zum Kompetenzzentrum ausgebildet und da war so ein ganz großes Credo im Zusammenhang mit der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe, dass die Schule eine „Schule der Person“ sein soll, dass die Schülerinnen und Schüler als Persönlichkeiten wahrgenommen werden müssen, neben den Lehrern und auch den Eltern und, dass die Schüler in der Lage sind, ihre eigene schulische Biografie schreiben zu können. Also dass es immer weniger darum geht, dass die Schule anbietet, anbietet, anbietet und die Schülerinnen und Schüler sehr eng bei der Hand nimmt. Diese Enge muss in eine bestimmte Distanz dann übergehen, dass die Schüler in der Lage sind, ihren Weg alleine gehen zu können und diese Biografie ganz alleine schreiben zu können. Und das bedeutet natürlich auch, dass sie Verantwortung übernehmen und diese Verantwortung wollen wir den jungen Leuten natürlich auch gerne geben.

Diese Verantwortung drückt sich eben in dieser Reflexionsfähigkeit aus, dass sie erkennen können, das soll der Weg sein, den ich gehen will. Es kann sich auch in ganz anderen banalen schulischen Sachen ausdrücken. Es wird natürlich nicht so sein, wenn wir auf die ganzen unterschiedlichen Begabungen der Kinder gucken, dass wir einen eigens erstellten Stundenplan den Kindern anbieten können, aber sie sollen zumindest die Möglichkeit haben, aus ihrem Repertoire, aus ihren Interessensinseln die Sachen immer wieder herauspicken zu können, was sie tatsächlich interessiert. Das fängt bei uns in der Unterstufe an mit kleineren eigenen Projekten bis hin dann zur Mittelstufe zu ausgedehnten Projektwochen, in denen die Kinder ganz eigenständig an Themen arbeiten können, die sie interessieren und die sie für sich erforschen wollen und ermitteln wollen. Diese Projektwochen gipfeln dann immer am Ende in einen „Messestand der Wissenschaften“, wo die Kinder an einem kleinen eigens erstellten Messestand berichten und erzählen können und zeigen können, was sie sich da so eine Woche angeeignet haben. Und das ist unglaublich beeindruckend, wenn man dann sieht zu einem Oberthema, welche Themen gefunden werden. Was „Licht und Schatten“ in der Physik bedeuten kann, „Licht und Schatten“ aber auch in der Musik bedeuten kann, in Französisch oder ähnliches. Das gibt auch den Kindern unglaublich viel - und letztlich auch uns Pädagogen und auch den Eltern der ganzen Schulfamilie, die dann immer mit dazu eingeladen sind.

Also dieses eigenständige, eigenverantwortliche Arbeiten ist uns wichtig und wir haben in den letzten Jahren auch versucht, die Leistungsmessung ein bisschen in diese Richtung zu schubsen. Kinder leben ganz auf diese Leistungssituation - dass wir die Kinder überraschen mit Fragen, mit einem vorgefertigten Repertoire, was wir als Lehrerinnen und Lehrer oft interessant finden, und man aber dem Wissensstand der Kinder oder dem, was sie wirklich geleistet haben, oft gar nicht so gerecht wird. Welche Aussagekraft hat denn eine Note 3 dann tatsächlich? Ist es eine 1, die auf eine 3 zurückgerutscht ist, wenn ich das so formulieren darf, oder ist es ein Schüler, der sich von 5 auf 3 hochgearbeitet hat, oder stagniert das Kind seit Monaten auf der 3? Wir haben versucht, die Kinder in punktuellen Leistungsnachweisen mit einzubinden in die Prüfungsformen, wo sie in bestimmten Abschnitten Verantwortung übernehmen sollen, sich Schwerpunkte setzen können – das kann zum Beispiel eine Projekt-Schulaufgabe sein, wo die Kinder innerhalb von einer Projektarbeit wählen können, „Setze ich einen Schwerpunkt auf die Präsentation, setze ich einen Schwerpunkt auf eine schriftliche Prüfung dazu oder setze ich einen Schwerpunkt auf ein Portfolio, was ich vielleicht dazu erarbeite?“ Da haben wir sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Man kann tatsächlich beobachten - wir haben jetzt zehn Jahre mit unseren begabten Schülerinnen und Schülern zu tun -, dass diese Mittel ihnen wirklich gut helfen können, ihr Potenzial so gut als möglich auszuschöpfen. Es wird nicht immer gelingen in allen Punkten, aber diese Eigenständigkeit ist uns einfach wichtig, dass die Kinder ihren Weg selber in ihrem Rhythmus und in ihrem Tempo auch gehen können.


Was verbindet Sie mit der Karg-Stiftung? (08:37)

Ganz viel Dankbarkeit. Die Karg-Stiftung war für uns ein wichtiger Begleiter. Ich habe es vorhin erwähnt, dass wir von Seiten unseres Kultusministeriums angesprochen wurden, ob wir unsere Ideen, die wir für die Hochbegabtenförderung haben, ob wir die nicht allen Schülerinnen und Schülern zur Verfügung stellen können und diese Methoden an die Kolleginnen und Kollegen weitergeben wollen. Die Karg-Stiftung war da ein ganz wichtiger Motor und Impulsgeber, Unterstützer bei diesem Prozess. Wir hatten im Laufe dieser zweijährigen Ausbildungszeit, wo wir an Konzepten gearbeitet haben, „Was könnte für andere Gymnasien da interessant sein?“, sehr eng zusammengearbeitet und das ist so unser Wegbegleiter - der uns bis heute begleitet.


Was ist Ihr Symbol für Hochbegabung? (09:25)

Begabungen können ja ganz unterschiedlich ausgeprägt sein. [Zeigt mehrere unterschiedlich aufgeblasene Luftballons:] Das können Begabungen sein, die schon sehr stark aus geprägt sind, prall gefüllt, fast vor dem Platzen vielleicht auch [zeigt auf den am größten aufgeblasenen Luftballon]. Es könnten Begabungen sein, die so bisschen mittelprächtig ausgeprägt sind, wo wir als Schule gerne noch bisschen Luft drauf geben könnten [zeigt auf wenig aufgeblasene Luftballons].

Vielleicht haben wir aber auch Begabungen, von denen die Schülerinnen und Schüler noch gar nicht wissen, dass sie sie überhaupt haben [zeigt auf einen kaum aufgeblasenen Luftballon]. Und dann ist es spannend für uns als Pädagogen, diese Begabungen herauszukitzeln und die Kinder bei ihrem Weg unterstützen zu können, diese Begabungen für sich entdecken zu können und auch zu solchen prallen Ballons füllen zu können.

 

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    Mit unseren Angeboten zur verbesserten Information und Qualifizierung von Kita, Schule und Beratungsstellen bringen wir das Bildungssystem in der Begabtenförderung voran: Karg Campus, Karg Impulskreise, Karg Partner Projekte, Karg Fachmedien.

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