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Adnan Abouelela

über den Begabungsforscher William Stern (1871-1938)

Datum

2021

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William Stern: Pionier der Begabungsforschung - Erfinder des IQ

Adnan Abouelela über William Stern (1871-1938) -
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um 150. Geburtstag des Begabungsforschers am 29. April 2021

 

Das Video-Interview führte Sabine Wedemeyer, Ressortleitung Presse- & Öffentlichkeitsarbeit der Karg-Stiftung im April 2021. (13:53 Minuten)

Zur Person: Adnan AbouelelA

Adnan ist Absolvent des Sächsischen Landesgymnasiums für Hochbegabtenförderung  Sankt Afra  und heute Student der Molekularen Biotechnologie an der Universität Heidelberg. Er hat sich aus persönlichem Interesse mit William Stern beschäftigt, dessen Forschung und Menschenbild heute noch so aktuell und modern sind wie vor über 100 Jahren. 

Zur Person: William Stern (1871-1938)

William Stern, Begründer der Differentiellen Psychologie, hat unter anderem die Formel des Intelligenzquotienten entwickelt. Die mit seiner Ehefrau Clara Stern erstellten Aufzeichnungen zur Entwicklung seiner drei Kinder waren für die damalige Zeit bahnbrechend. Für ihn stand immer das Individuum im Mittelpunkt seines Menschenbildes und das Anrecht eines jeden Menschen auf Bildung, ungeachtet seiner Herkunft. Da die Sterns jüdischen Glaubens waren, waren auch sie von der Verfolgung durch die Nationalsozialisten betroffen. Sie entschieden sich 1934 zuerst in die Niederlande, später in die USA zu emigrieren. Das Lebenswerk von William Stern ging fast vollständig verloren.

Die Karg-Stiftung und William Stern

Für ein begabungsgerechtes Bildungssystem engagiert sich die Karg-Stiftung seit über 30 Jahren. Vieles wurde bereits realisiert, denn in vielen Bundesländern arbeiten inzwischen in der Hochbegabtenförderung qualifizierte Lehrkräfte, Erzieher:innen und Psycholog:innen. Das Ziel ist aber noch nicht erreicht, solange es immer noch Kinder gibt, die aufgrund ihrer familiären Umgebung benachteiligt sind. Deutschland gehört zu den Ländern, in denen der schulische Erfolg am stärksten durch sozioökonomische Verhältnisse bestimmt wird. William Stern hat dies schon damals erkannt und kritisiert. Dieses Jahr jährt sich zum 150. Mal sein Geburtstag – ein guter Grund sich an eine besondere Persönlichkeit und einen herausragenden Forscher zu erinnern.
Zum 150. Geburtstag von William Stern - Beiträge der Karg-Stiftung im Jubiläumsjahr

Interviewfragen

  • Wie entstand die Idee, sich für die Verlegung von Stolpersteinen für William und Clara Stern einzusetzen? (00:08)
  • Was verbindet dich mit William und Clara Stern? (03:19)
  • Welche Erkenntnisse ziehst du aus der Beschäftigung mit William und Clara Stern? (05:10)
  • Wo lag bei dir der Schwerpunkt bei der Beschäftigung mit den Sterns – mehr auf der Persönlichkeit oder eher auf ihrer Forschung? (08:36)
  • Was bedeutet dir die Stolpersteinverlegung? (10:23)

 

Transkription des Video-Interviews 



Wie entstand die Idee, sich für die Verlegung von Stolpersteinen für William und Clara Stern einzusetzen? (00:08)

Ich bin im Gespräch mit der Karg-Stiftung auf die Person William Stern aufmerksam geworden. William Stern ist Begründer der Differenziellen Psychologie und hat neben einem sehr umfangreichen wissenschaftlichen Werk zusammen mit seiner Frau Clara auch ganz entscheidende Beiträge zur Entwicklungspsychologie des Kindes geleistet. 1916 zieht die Familie nach Hamburg um und hier ist William Stern Mitbegründer der Universität Hamburg und dort auch sehr lange Zeit nach dem ersten Weltkrieg und in der Zeit der Weimarer Republik sehr erfolgreich als wissenschaftlich tätig.

Dieses sehr bereichernde, sehr vielseitige und sehr produktive Umfeld geht dann über die Jahre nach und nach verloren mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten und auch die Lebenssituation der Sterns verschärft sich mehr und mehr. Die Sterns sind Juden und mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten und dann mit dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums im April 1933 wird William Stern mit vielen anderen seiner jüdischen Kolleginnen und Kollegen aus der Universität Hamburg entlassen. Er kann dort nicht mehr lehren und auch nicht mehr wissenschaftlich tätig sein. Letztendlich sieht sich die Familie Stern denn auch gezwungen aus Deutschland zu fliehen. William flieht mit seiner Frau Clara zunächst in die Niederlande und als die deutschen Expansionsbestrebungen dann doch sehr deutlich werden, dann weiter in die USA.

Dr. Ahl aus der Karg-Stiftung hatte mir damals eine Biografie zu William Stern von Dr. Martin Tschechne empfohlen. Dort wird abschließend angemerkt, dass doch noch ein Stolperstein für William Stern, also diese große Hamburger Persönlichkeit, und seine Familie fehlen würde. Ich empfand das als eine tolle Anregung. Ich kannte das Projekt der Stolpersteine von Gunter Demnig vor allem durch meine Großmutter, die mit meiner Schwester und mir, als wir beide noch sehr viel kleiner waren, immer wieder bei diesen Steinen stehen geblieben ist, wenn man sie zufällig getroffen hat beim spazieren gehen, beim einkaufen, und uns erklärt hat, was es damit auf sich hat. So ist dann auch der Kontakt zum Stolperstein-Verein in Hamburg entstanden. Ich fand es toll, sich an so einem Projekt zu beteiligen. Ich habe dann mit Peter Hess, dem Koordinator des Projektes in Hamburg, ausgemacht, zwei Stolpersteine zu verlegen – einen für William Stern und einen für Clara Stern. Beide Steine wurden dann im vergangenen Jahr (2020) auch an ihrem ehemaligen Wohnsitz in der Brahmsallee 80 verlegt. Und ich freue mich, dass das hier mit den Aktivitäten der Karg-Stiftung zu William Stern auch so einen passenden Rahmen gefunden hat.


Was verbindet dich mit William und Clara Stern? (03:19)

Ich denke, das ist vor allem die Konzeption von Bildung, die William und Clara Stern im Sinn hatten. Ich hatte das Glück, seit meiner frühen Kindheit Einrichtungen besuchen zu können, die den Kindern ein sehr bereicherndes Umfeld geboten haben und hier auch sehr viel Kreativität gefördert haben. William und Clara Stern haben ja selbst auch die Entwicklung ihrer drei Kinder von der Geburt an über viele, viele Jahre hinweg sehr genau dokumentiert und im Hinblick auf Sprachentwicklung und Verhalten analysiert. Das ist sicherlich auch wichtige Grundlage und Impulsgeber für die wissenschaftliche Orientierung von William Stern gewesen. Es wird auch deutlich, wie wichtig der Zugang zu frühkindlicher Bildung ist, denn sie beeinflusst eben in ganz entscheidendem Maße die Entwicklung des Kindes.

Das Landesgymnasium Sankt Afra, auf das ich zur Schule gegangen bin, ist sehr eng mit der Vorstellung Sterns zur Förderung von Schülerinnen und Schülern verknüpft. Hier wird im Vormittagsbereich, im „Fundamentum“, der nach Lehrplan vorgesehene Stundenunterricht in einer beschleunigten Form absolviert, und im Nachmittagsbereich werden in den „Addita“ zusätzliche Angebote gemacht, die auch sehr individuell und nach Interessenslage ausgestaltet werden können. Das bietet viel Freiraum für Persönlichkeit, ist eben nicht nur auf eine ausschließlich geistige, naturwissenschaftliche oder sprachliche Schiene ausgelegt, sondern verfolgt einen generalistischen Ansatz. Das ist ein sehr umfassendes und auf die Gesamtheit der Person bezogenes Bildungskonzept.


Welche Erkenntnisse ziehst du aus der Beschäftigung mit William und Clara Stern? (05:10)

Ich denke, recht beeindruckend ist für mich, dass William Stern in seinem Denken sehr fortschrittlich und modern war und dass auch viele seine Anliegen auch heute noch Gültigkeit haben.

Da ist zum einen die Forderung nach Zugang zu Bildung, unabhängig vom Stand des Elternhauses. Ich denke, hier ist gerade die Politik sehr gefragt, ein gerechteres Bildungssystem zu etablieren und auch die Angebote zur Förderung weiter auszubauen. Ich denke, hier geht es vor allem darum, auch sozial schwächere Familien zu erreichen, Familien mit Migrationshintergrund, hier besser über bereits bestehende Bildungsangebote zu informieren und ggf. dann auch für finanzielle Entlastung zu sorgen, wenn ökonomische Gründe ursächlich dafür sind, dass diese Angebote nicht wahrgenommen werden können. Gerade in Deutschland sehen wir im internationalen Vergleich, dass die Schülerleistung doch noch sehr stark vom sozioökonomischen Hintergrund des Elternhauses abhängt. Ich denke, hier sollte jedem Kind die Möglichkeit gegeben werden, sich entsprechend seiner Interessen und Talente zu entwickeln - und dass diese auch gefördert werden. Ich halte das übrigens auch für eine Schlüsselkomponente, wie Integration gelingt.

Zum anderen weist Stern dem Lehrerberuf eine viel wichtigere und bedeutendere Rolle zu als ihm damals zur Weimarer Republik, aber auch heute noch zugeschrieben wird. Wir sind heute sehr gut darin, z.B. Schulerfolg, Studienerfolg anhand von Tests, die verschiedene Teile des Verstandes quantifizieren, abschätzen zu wollen. Die Überlegung ist eben, dass eine Aneinanderreihung dieser Ergebnisse dann, ähnlich als würde man mit verschiedenen Steinen ein Mosaik zusammensetzen, ein Bild dieser Person ergibt. Und William Stern weist hier darauf hin, dass eine Aneinanderreihung dieser Ergebnisse nicht dazu führt, besonders gut eine Eignung feststellen zu können, sondern er spricht sich für eine ganzheitlichere Persönlichkeitsbetrachtung aus - d.h. Faktoren wie intrinsische Motivation, Fleiß, Neugier, Willensstärke, also alles Faktoren, die in solchen Tests nicht abgebildet werden, stärker in den Vordergrund zu rücken. Hier wären dann eben nur die Lehrer und Erzieher, die die Schülerinnen und Schüler auf ihrem Bildungsweg hinweg begleiten, in der Lage, diese Faktoren aufzunehmen, zu beurteilen und natürlich auch dabei zu helfen, diese Veranlagungen mit zu entwickeln. Das ist natürlich auch eine enorme Verantwortung, die hier Stern von den Lehrkräften fordert. Ich denke aber auch, dass dafür auf jeden Fall der pädagogische Aspekt des Lehrerseins stärker ausgebaut und gefördert werden sollte.


Wo lag bei dir der Schwerpunkt bei der Beschäftigung mit den Sterns – mehr auf der Persönlichkeit oder eher auf ihrer Forschung? (08:36)

William Stern ist jemand mit einem sehr interessanten Lebensweg, der zeigt, wie eng Wissenschaft und Gesellschaft miteinander verknüpft sind. Insofern würde ich das vielleicht gar nicht so gewichten wollen. Zum einen ist William Stern mit sehr vielen historischen Aspekten verbunden, allen voran natürlich seine jüdischer Glaube, gegenüber dem die gesellschaftliche Abneigung auch schon vor der Zeit des Nationalsozialismus deutlich wird. Er ist Zeitgenosse von Sigmund Freud. Er ist familiär verbunden mit Hannah Arendt. Er ist Wegbegleiter von Martha Muchow, auch einer deutschen Psychologin. Also da gibt es wirklich viel Interessantes.

Auf der anderen Seite steht sein sehr umfangreiches und vielfältiges wissenschaftliches Werk und diese sehr junge Disziplin der Differentiellen Psychologie. Das gerät während der Flucht und durch den zweiten Weltkrieg fast in Vergessenheit. Obwohl ich durch mein Studium eigentlich gar nicht so sehr mit diesem Wissenschaftszweig in Berührung komme, kommt man durch die Beschäftigung mit der Persönlichkeit William Stern und seiner Forschung doch zum Schluss, dass das eines dieser eindrücklichen Beispiele ist, die zeigen, wie wichtig es ist, dass sich Wissenschaft aktiv in die Gesellschaft mit einbringt, und wie wichtig es ist, dass man sich persönlich auch etwas mehr Freiraum für gesamtgesellschaftliche Themen und Engagement schafft.


Was bedeutet dir die Stolpersteinverlegung? (10:23)

Natürlich stehen die Stolpersteine für ein sehr unmittelbares Anliegen: Sie sind Teil des Gedenkens an die Millionen Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft - der systematischen Vernichtung von Menschenleben. Das ist ein sehr sensibles und sehr komplexes Thema und es wird geradezu darum gerungen, einen geeigneten Umgang mit diesem Kapitel der deutschen Geschichte zu finden. Mir ist auch bewusst, dass es an diesen Kunstprojekten zur Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft auch einige Kritik gibt. Das haben wir zum Beispiel gesehen bei dem Denkmal der ermordeten Juden Europas in Berlin. Das ist natürlich auch für die Stolpersteine so.

Aber ganz unabhängig davon stehen diese Stolpersteine für mich für eine Positionierung zu demokratischen Werten. Dadurch, dass diese Stolpersteine ein dezentrales Denkmal sind, sind sie ein mahnender Begleiter in unserem Alltag. Es geht ja auch mehr um ein kurzes „gedankliches Stolpern“, ein kurzes „Wieder-in-Erinnerung-rufen“. In diesem Zusammenhang taucht manchmal der Begriff der „Erinnerungsdiktatur“ auf und ich finde, dass das ein grundsätzlich fehlführender Ausdruck ist, weil er fordert in gewisser Weise eine Distanzierung von diesem Teil der deutschen Geschichte und damit geht auch eine Bindungslosigkeit einher, die sicherlich auch sehr bequem ist. Das passt aber nicht zu demokratischen Grundwerten. Es ist notwendig zu erkennen, dass aus der Erinnerung und der unbequemen Konfrontation mit diesem Teil der deutschen Geschichte auch eine Verantwortung erwächst und der muss man sich auch stellen können.

Insofern finde ich es besorgniserregend, dass wieder populistische, wieder nationalistische Ideen als Alternativen angeboten werden; dass wieder Mauern gebaut werden, dass wieder aufgerüstet wird. Ich denke, das beginnt ganz unbemerkt bei der Sprache - wenn stilisiert wird, wenn verallgemeinert wird und wenn für größtes Unrecht sehr verharmlosende Begriffe gefunden werden. Das ist das, was letztlich zur Radikalisierung führt und zur Enthemmung. Ich bin der Meinung, im Dialog und im Austausch mit anderen Kulturen geht Identität nicht verloren. Insofern stehen diese Stolpersteine für mich auch für eine Positionierung gegen antisemitische, gegen antidemokratische und gegen nationalistische Ideen.

 

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